Lesen lernen als Wiederherstellung von Verbindungen zwischen bekanntem Inhalt und dem geschriebenen Code
Dieses Konzept beschreibt kein endgültig etabliertes Gesetz, sondern eine Arbeitstheorie des Lesenlernens, die wir als vielversprechend erachten und in der Praxis überprüfen möchten.
Ihre praktische Überprüfung erfolgt im Projekt „учиться-легко.рф – Lesenlernen als Entschlüsselung des geschriebenen Codes“. Im Zuge von Experimenten und der Ansammlung von Daten soll dieses Konzept präzisiert, ergänzt oder revidiert werden.
Die Hauptidee besteht darin, dass das Lesen als Wiederherstellung von Verbindungen zwischen dem geschriebenen Code und dem bereits vorhandenen Vorstellungssystem des Kindes betrachtet werden kann.
Vor Beginn des Lesens kennt das Kind möglicherweise bereits das Objekt, dessen Bild, die Bedeutung, das gesprochene Wort, den Klang des Wortes und kann es aussprechen. Die schriftliche Form desselben Inhalts kann ihm jedoch unbekannt sein.
Daher muss das Lesenlernen nicht unbedingt mit dem abstrakten Lernen von Buchstaben als eigenständigen Symbolen beginnen. Ein natürlicherer Weg ist die Nutzung von dem Kind bereits bekannten Vorstellungen als Stützen zur Erschließung des geschriebenen Codes.
Beispielsweise kennt das Kind eine Katze als Objekt, erkennt ihr Bild und kennt das Wort „Katze“. Dann kann das geschriebene Wort „Katze“ nicht mit einem leeren Symbol verknüpft werden, sondern mit einem bereits stabilen System aus Bedeutungen und Klängen.
In diesem Sinne ähnelt das Lesen einer Entschlüsselung. Das Kind verfügt bereits über einen Teil des Entsprechungssystems, und die Aufgabe des Lernens besteht darin, die fehlenden Verbindungen zwischen geschriebener Form, Klang, Wort und Bedeutung schrittweise wiederherzustellen.
Dies ist eine direkte Anwendung des Prinzips „Das Bekannte ist ein Werkzeug zur Erforschung des Unbekannten“. Ein bekanntes Wort hilft dabei, einen Buchstaben zu meistern; ein bekannter Buchstabe hilft dabei, ein neues Wort zu lesen; ein bekanntes Morphem hilft dabei, ein längeres Wort zu zerlegen; der Kontext hilft dabei, eine Hypothese über die Bedeutung zu überprüfen.
Das Prinzip hierbei ist nicht, die Menge an Material um jeden Preis zu reduzieren, sondern Schlüssellücken zu finden und zu schließen, die die Nutzung des bereits vorhandenen Wissenssystems des Kindes behindern.
Solche Lücken können sein:
- eine unbekannte Wortbedeutung;
- das Fehlen des Wortes selbst in der gesprochenen Sprache;
- die Unkenntnis seiner Aussprache;
- das Fehlen einer Verbindung zwischen Laut und Buchstabe;
- die Unfähigkeit, einen bekannten Teil innerhalb eines längeren Wortes herauszuheben;
- das Fehlen einer Verbindung zwischen der schriftlichen Form und einer bereits bekannten Bedeutung.
Wenn Wort, Bedeutung, Klang und Buchstaben gleichzeitig unbekannt sind, muss das Kind zu viele neue Verbindungen ohne Stütze aufbauen. Wenn jedoch ein Großteil des Systems bereits bekannt ist, bleibt nur noch die Wiederherstellung einer begrenzten Anzahl fehlender Verbindungen.
Daraus folgt die praktische Hypothese: Anfängliche Texte und Übungen sollten vorwiegend Wörter verwenden, die bereits im mündlichen Wortschatz des Kindes vorhanden sind. Dann wird die Schriftsprache zu einem neuen Weg des Zugangs zu bereits bekannten Inhalten und nicht zu einer Quelle mehrerer unabhängiger Unbekannter gleichzeitig.
Dies erklärt auch die Verwendung vertrauter Bilder neben Buchstaben in Fibeln. Das Bild ist nicht das Ziel des Lernens und bedeutet nicht, dass das Wort als Bild eingeprägt werden soll. Es fungiert als eine der möglichen Stützen, die ein abstraktes schriftliches Symbol mit dem bereits bekannten Inhalt verknüpft.
Die Vielfältigkeit der Wege ist wichtig. Es gibt keine einzige obligatorische Kette wie „Bild → Klang → Wort“. Wenn das Kind die Aussprache bereits kennt, aber die schriftliche Form nicht, ist eine andere Stütze erforderlich. Wenn es das Objekt kennt, aber seinen Namen nicht, braucht es eine andere. Wenn es das Wort kennt, aber es nicht in Laute zerlegen kann, ist eine dritte erforderlich.
Das bedeutet, dass das Lernsystem nach Möglichkeit bestimmen sollte, was dem jeweiligen Kind bereits bekannt ist, und basierend darauf den nächsten Schritt auswählen sollte.
Besondere Bedeutung hat die Unterscheidung zwischen Nachschlagewissen und Fähigkeiten. Das Ziel des Lesenlernens besteht nicht darin, das Kind dazu zu bringen, sich möglichst viele Wortschreibweisen einzuprägen, sondern die Fähigkeit auszubilden, unbekannte geschriebene Wörter anhand bekannter Sprachelemente zu rekonstruieren.
Daher dienen bekannte Wörter zunächst als Stützen zur Aneignung des geschriebenen Codes, und danach wird der geschriebene Code selbst zu einer neuen Fähigkeit, die es ermöglicht, zuvor noch nie gesehene Wörter zu lesen.
Daraus ergibt sich ein Zyklus:
- bekannte Objekte, Bedeutungen und Wörter helfen bei der Aneignung schriftlicher Verbindungen;
- angeeignete Buchstaben und Strukturen ermöglichen das Lesen neuer Wörter;
- neue Wörter eröffnen neue Bedeutungen und neues Wissen;
- das erweiterte Wissenssystem wird zur neuen Stütze für das nächste Lesen.
So geht das Lernen schrittweise von der Nutzung des Bekannten zur eigenständigen Erschließung des Unbekannten über.
Dies stimmt auch mit dem systemischen Denken überein: Die Schriftsprache wird nicht als isolierte Fertigkeit betrachtet, sondern als ein System, das mit mündlicher Sprache, Bedeutungen, visuellen Bildern, Klängen, Gedächtnis und Kontext verbunden ist.
Gleichzeitig betrachten wir diese Theorie nicht als endgültig bewiesen. Einige Teile davon stimmen gut mit modernen Vorstellungen über orthographisches Lernen, phonologische Bewusstheit, Wortschatz und Morphologie überein, aber die konkrete Lernarchitektur und deren Wirksamkeit müssen überprüft werden.
Genau aus diesem Grund ist die Theorie in Conceptica als Konzept festgehalten, und das Projekt auf fi1osof.ru wird als praktische Umgebung zu ihrer Erprobung genutzt. Sollten die Ergebnisse unseren Erwartungen widersprechen, muss sich das Konzept der Realität anpassen und nicht umgekehrt.